Dienstag, 17. November 2009

gezeiten der liebe

herr balduin,
aus lauter rastlosigkeit habe ich mich heute auf die verzweifelte suche nach beschäftigung begeben. und so holte ich zwei große kisten aus unsere rümpelkammer und begann auszusortieren. dabei habe ich ein gedicht gefunden, dass wir einmal als exemplarisches beispiel für "kommunikation" in der schule bekommen haben. will es dir nicht vorenthalten!
fritz

ein mensch schrieb mitternächtig tief
an die geliebte einen brief,
der schwül und voller nachtgefühl.
sie aber kriegt ihn morgenkühl,
ließt gähnend ihn und wirft ihn weg.
man sieht, der brief verfehlt den zweck.
der mensch der nichts mehr von ihr hört,
ist seinerseits mit recht empört
und schreibt am hellen tag, gekränkt
und saugrob, was er von ihr denkt.
die liebste kriegt den brief am abend,
soeben sich entschlossen habend,
den menschen dennoch zu erhören -
der brief muss diesen vorsatz stören.
nun schreibt, die grobheit abzubitten,
der mensch noch einen zarten dritten
und vierten, fünften, sechsten, siebten
der herzlos schweigenden geliebten.
doch bleibt vergeblich alle schrift,
wenn man zuerst daneben trifft.
(aus eugen roth, "ein mensch")

Montag, 16. November 2009

ein christus nach dem leben



hallo herr balduin,
dies ist ein bild von rembrandt van rijn mit dem titel "ein christus nach dem leben". es fiel mir vor einiger zeit in postkartenform in die hände. bilder haben ja ihre ganz eigene wirkung und sprechen ihre eigene sprache. einmal habe ich es mir etwas genauer betrachtet. und etwas schmerzlich stellte ich fest, dass es nicht den jesus zeigt, den ich mir wünsche. er entspricht nicht meinen vorstellungen und entzieht sich entschieden all meinen erwartungen und bedürfnissen. es geht dabei keineswegs um die gestaltung. viel mehr um die haltung die er einnimmt. er schaut mich nicht an, sein blick geht an mir vorbei. kein seelsorgerlicher mitfühlender, aufmunternter, vollmächtiger, verstehender augenkontakt. keine armbewegung oder dergleichen, keine tröstende geste - einfach keine reaktion. auch sein mund ist geschlossen, er schweigt. heilende oder erklärende worte sagt er nicht. scheinbare teilnahmslosigkeit und desinteresse bestimmen die atmosphäre. als ich mir eine weile darüber gedanken gemacht hatte, war aber noch etwas, was ich zu entdecken meinte. vielleicht schaut er mich nicht an, weil er selbst so großen schmerz über all die dinge des seins empfindet und er es kaum aushält. er sagt nichts, weil er keine worte hat. er will nicht zu denen gehören, die dem leidenden durch geschwätz noch größere lasten aufbürden. verbietet sich flachen und unrealsitischen trost zu geben. er ist da und versucht die situation mit auszuhalten ...
es ist nicht der jesus den ich mir erhoffe, nicht einmal der, von dem ich in der bibel lese - oder verstehe ich falsch, ist er es doch?
wenn ich jetzt in kirchen ein kruzifix sehe, wo der gekreuzigte jesus dargestellt wird, wandert mein blick oft zu diesen schmerzvollen, abgewandten blick. nein, ich fühle mich dann nicht immer verstanden. manchmal kann ich diesen gedanken hier auch nichts abgewinnen. aber dennoch, diese echtheit und aufrichtigkeit beeindruckt mich von zeit zu zeit. am wochenende las jemand den psalm 88 und sagte dannach, dass der schreiber an sein gebet kein "happy end" dranhängt. und wenn ich in meinem kleinen horizont die menschen anschaue meine ich durchaus lebensgeschichten zu sehen, in denen es kein fröhliches ende geben wird! in dem moment traf mich das hart und es bleibt eine verdammt harte vorstellung. die "wahrheit" ist manchmal unheimlich unbequem und brutal wirklichkeitsnah. da lebt es sich im "selbstbetrug" angenehmer!
aber das ist irgendwie auch keine besonders lohnende alternative...
fritz

Donnerstag, 12. November 2009

verräterisches detail

herr balduin,
vor einigen tagen saß ich am bahnhof und habe gewartet. mein blick schweifte umher und ich beschaute und beguckte die leute, die in meiner nähe standen. da entdeckte ich etwas wirklich lustiges. ein junges pärchen stand mir zugewandt, händchenhaltend und auch sonst ganz normal. nur ein kleines detail lächelte mich verschmitzt an. um genauer zu sein, es waren eigentlich zwei. also, der junge mann (das finde ich auch gar nicht schlimm) hatte an seiner oberlippe ein herpesbläschen. als ich die junge frau daraufhin musterte bemerkte ich an ihre oberlippe ebenfalls ein solches. nun musste ich es genauer wissen. mein blick ging wieder zum mann - und wieder zu der frau - tatsächlich! etwas amüsiert stellte ich fest, dass besagte stellen zusammenpassten. mein detektivsinn hatte mich nicht getäuscht. eine knutscherei muss der ursprung dieser kombination gewsesen sein :-)
fritz

ps: meine frau fand das nicht so lustig, meine liebe mutter hat dagegen herzlich drüber gelacht. da dachte ich mir, dass du es vielleicht auch etwas witzig findest.

Dienstag, 10. November 2009

geliebtes fräulein einfalt


geliebtes fräulein einfalt,
nachdem sie gestern früh so überraschend vor meiner tür standen, möchte ich ihnen heute ein paar zeilen schreiben. nein, sie haben mich gestern nicht gestört, wirklich nicht, ganz im gegenteil. ... und die tränen, die sind mir auch nicht peinlich, warum auch. es war mir ein ehre - es war eine reine und glücklich zeit für mich, die ich in dieser dimension nur selten erleben darf. ich glaube sie wissen gar nicht wie sehr ich die gespräche mit ihnen schätze. an manchen tagen habe ich angst. da kriecht die furcht in meine knochen, ich könnte fehler machen, falsche wege gehen, schuldig werden und dann legt sich beklemmung über mein ganzes sein. doch wenn sie da sind verschwindet sonderbarer weise diese angst vor den eigenen abgründen. auch der schmutz und dreck des lebens beginnnt sich zu lösen. all die probleme des alltages die mich gefangen nehmen und binden beginnen sich zu entwirren. der tumult, die unordnung, das tohuwaboho, die unruhe, das chaos der krieg und dieses ganze andere wirrwarr legt sich. ihre barmherzige güte tun mir so gut. erstaunlicherweise schmerzt in ihrer gegenwart nicht einmal was sonst so weh tut - "die seele atmet freiheit". wenn wir dann zusammen die hände falten sind sie mein atem, der das sprechen ermöglicht. ruhig, versöhnt mit mir selbst finde ich worte für das was in mir ist. das wohl schönste geschenk - ich sage das eine und meine es auch und nicht noch tausend andere dinge. ich muss nicht mehr der held sein und will es auch gar nicht. ich darf sein der ich bin, kann mich selber annehmen und muss nicht mehr weg laufen. ich liebe ihre klahrheit und diese sanfte ehrlichkeit mit der sie mich in den arm genommen haben. ihre anwesenheit ist heilsam. beeindruckend wie eine so junge frau wie sie schon über so viel einfühlungsvermögen und lebensweisheit verfügt. ich sende ihnen hiermit meinen aufrichtigen dank für die zeit,
bitte lassen sie mich von ihnen hören.
ihr fritz

Montag, 9. November 2009

taxierlebnisse

herr balduin,
aus einen wenig nachvollziehbaren grund musste ich gestern abend über meine bisherigen taxifahrer nachdenken. ich stehe im genuss regelmäßig mit den gelblichen flitzern unterwegs sein zu dürfen. da lernt man allerlei menschen kennen! auf den fahrten unterhält man sich dann natürlich über dies und jenes und gott und die welt. da ich oft mit den gleichen fahrern und fahrerinnen unterwegs bin, werden die dialoge auch etwas komplexer und drehen nicht nur im alltagsgeplauder ihre kreise - man hört geschichten und erlebt geschichten.

da war zum beispiel der frank, der bei der ersten fahrt gleich einen witz unter der gürtellinie zum besten gab. ein harter, grober bulliger mann - anzüglich und frivol im auftreten. der sich aber immer wieder nach mir erkundigt, herzlich grüßen lässt, mich auf der straße gesehen hat, anhielt und mich zum ort meines hin-müssens fuhr.
dann gibt es noch die taxiinhaberin. mutter von kindern, eins davon mit eine körperlichen behinderung. eine sehr resulute frau, sehr present.
oder die ehemalige heilpraktikerin. gescheiterte ehen, schwererziebares kind ... sie war eine sehr freundliche und sensible frau, die mir erzählte wie sie betet und denkt.
und den fritz, meinen namensvetter darf ich nicht vergessen. ein alter ungar. wenn er wärend der fahrt ans handy ging taten mir dannach die ohren weh, so laut hat er geredet. einmal fuhr vor uns so ein kleines auto. da verengten sich seine augen und er sagte kämpferisch: "das matchbok holen wir ein. aber der gegner hielt gegen unseren mercedes stand. 120 durch wald und dunkelheit.
jetzt gibt es noch einen mann der viel redet. als ich ihn zum ersten mal begegnet bin dachte ich bei mir, das kann ja heiter werden. aber mitlerweile schätze ich ihn ungemein. er erzählt mir von seiner frau, den geliebten kindern, dass er sich freut irgendwann opa zu werden. er ist eine bemerkenswert fröhliche und unbeschwerte natur.
und der ältere herr noch. sehr korrekt und seriös. mit den man sich über zeitungen, computer, haustiere, urlaub unterhält und schweigt ...

der fritz

Sonntag, 8. November 2009

fernschach

herr balduin,
heute nachmittag klingelte das telefon und dran war ein freund aus kindheitstagen. in unsren jugend- und flegeljahren haben wir uns oft sonntags zum kaffee getroffen und dann eine runde schach gespielt. heute war es mal wieder soweit - halt nur am telefon ... ei, schön wars :-) nun, das nächste match wird jetzt per mail augetragen - um eine neue variante auszuprobieren und den "posteingang" mit mails zu füttern. das nennt man dann fernschach. was übrigens schon richtig tradition hat. ich weiß von jemand, dessen vater hat das mit postkarten durchgezogen.
der fritz

Freitag, 6. November 2009

ich kenn das auch ...


hallo herr balduin,
bin gerade am überlegen, ob ich dir schreibe ... wie du siehst habe ich mich dafür entschieden. nur habe ich heute nicht sonderlich viel zu berichten. doch wie in jeder echten beziehung darf man sich vielleicht beim schreiben nicht von der unspektakulären nüchternheit des alltags, oder den gemeinheiten des lebens abhalten lassen, gemeinschaft zu pflegen.
ach herr balduin, ... kennst du solche tage und nächte, die einfach nur vorbei gehen sollen, den man nichts gutes abgewinnen kann? an denen die wichtigkeiten dieser welt und all die flatterhaften gedanken, gefühle und meinungen so egal, nackt und sinnlos dastehen, wie sie oft wohl auch sind, weil die gegenwart so brutal real sein kann? wo man sich selber nur belächelt und etwas angewiedert den kopf schüttelt. wo man einfach wieder kind sein will? wo übernatürliche hilfe nötig wäre, aber keine hilfe kommt?
na ja, ich kenn das auch.
es befremdet dich vielleicht etwas, dass ich dir das jetzt so "hinwerfe", aber es gehört für mich gerade dazu ...
fritz

die dunkelheit brennt lichterloh
und schneidet freche fratzen
erschreckt das herz, verwirrt den geist
mit abertausend masken

die seele ist in seelennot
im sturm und wind gefangen
und vielleicht schon bald von meuterern gehangen

auf auf, lasst die seele baumeln
rufen sie

und voller angst
vor niedrtracht, vor heimtückischen schlägen
bettelt man ohn skrupel
nach ein bisschen segen