
"ich hätt so lange kein lebenszeichen von mir gegeben ...
vielleicht lebe ich im moment auch nicht ..."
andrea schwarz
" ... nicht das beliebige, sondern das rechte tun und wagen, nicht im möglichen schweben, dass wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der flucht der eigenen gedanken, allein in der tat ist die freiheit ..." (dietrich bonhoeffer)
hallo herr balduin,
die tage werden kürzer und die dunkelheit kehrt in die abendliche schreibstube ein. und zum ersten mal musste ich an herbst und winter denken - es war kalt. viel ist passiert, viel scheint trotzdem so wie immer. will dir heute von einer begegnung erzählen. ich traf eine frau die ich noch nie vorher gesehen habe. und wie es nun bei solchen begegnungen ist, redet man über dies und das und dabei nichts wirklich wichtiges. nun ist das schicksal manchen menschen ins gesicht geschrieben. dann wird dieser "small talk" zunehmend davon beeinflusst. "und wie geht es dir? ...?" fragen viele dann. was soll man da auch machen. meist oberflächlich skizziere ich die umstände. und dann kommt das scheinbar unvermeidliche, die reaktion. lächelnd wird mir dann gesagt: "kopf hoch, wird schon wieder! das wichtigste ist optimistisch denken ... ich habe gehört das dies und jenes hilft und blabla " ich weiß nicht ob du das verstehst herr balduin, aber ich hasse es!!! dieses dumme gequatsche von leuten die keine ahnung haben ... "wird schon wieder" sagen sie, doch wenn es nie wieder wird? "optimistisch denken" sagen sie, doch was ist, wenn der optimismus nur das verleugnen der realität ist. warum halten sie es nicht aus zu schweigen? warum immer so ein flacher spruch? und was werden sie wohl sagen, wenn alles anders kommt? wahrscheinlich nichts, weil ihnen nie klar war was sie da geredet haben.
fritz
ps: herr balduin, heute habe ich von meinen nachbarn ein paket abgeholt, was dort gestern für uns abgegeben wurde. und zu meiner großen überraschung war das von dir. habe vielen dank für das schöne buch "ente, tod und tulpe", ich habe mich sehr beschenkt gefühlt und mir war meine aufforderung dazu fast etwas peinlich. trotzdem danke!!!
herr balduin,
neulich sagte ein freund zu mir, das man jemand noch mal ganz anders kennen lernt, wenn man sich dessen wohnung anschaut. ich weiß nicht ob das immer zutrifft, aber ich finde es zutreffend. ja, wer mit offenen augen durch die welt und die wohnungen geht, noch die fähigkeit besitzt 1 und 1 zusammen zu zählen, wird viel sehen und verstehen. zugegeben, manchmal sind die aufgaben komplexer, doch das mutmaßen dürfte möglich sein. da kann man mal in der musik schnuppern und die bücherregale durchstöbern, schaut sich die pflanzen etwas näher an und lässt die atmosphäre aus details, möbeln und was-auch-sonst-noch-so-zu-finden-ist auf sich wirken.
ich behaupte mal, dass das bei mir nicht anders ist. unteranderem würde man einige bilderbücher finden. ok, ich gebe zu, sehr ungewöhnlich für einen beinharten typen wie mich - aber sie stehen nun mal da (was auch immer das jetzt über mich aussagt). eines davon heißt "der könig und das meer" und ist geschrieben von heinz janisch. der gesamtheit halber muss auch noch der illustrator angegeben werden: herr wolf erlbruch - der macht auch sonst sehr lustige bilder mit viel viel aussagekraft! doch zurück zum buch. mal ganz abgesehen von der sehr gelungenen und eindrücklichen gestaltung, der inhalt ist großartig. und man höre und staune, voller lebensweisheit. es besteht aus "21 kürzestgeschichten" die gerade dadurch ihre schlagkraft bewahren. für alle die gute dinge mögen - der fritz empfiehlt!
und alle die irgendwann mal wieder eine geschenkidee für den fritz brauchen - gutes bilderbuch im allgemeinen und "ente, tod und tulpen im speziellen ;-)
ps: der ehrlichkeit halber. das buch gehört eigentlich meiner frau. und dann noch eine der kürzestgeschichten als leseprobe:
"der könig und der hund"
"sitz! platz! komm!", rief der könig. "ich bin dein könig!" "hierher! halt! an die leine!", rief der könig. dann rannte er dem hund nach.
herr balduin,
meine "ode an die blume". im speziellen und im allgemeinen gemeint...
du meine blume, du meine schöne blume. am rand des weges fand ich dich. du standest lächelnd da im staub der zeit und dein himmlischsüßer duft erzählte von unbekannter ferner weite. du hast mich nicht umwoben, oder gar gefangen. du hast nicht genommen, sondern gegeben. manchmal vergesse ich das, ich schäme mich dafür. du bist unberührte schönheit und klar ist dein sein - so klar. die sicherheit, die du mir gibst will ich nicht mehr hergeben, alles gold der welt ist schmutz dagegen. deine tränen tun so weh. dabei gilt dein schmerz doch so oft mir. die frucht deines lebens ist zarte liebe. weißt du, deine liebe ist köstlich - so köstlich! was will ich mit dem hochmütigen stolz der dummen? was nützen mir die pläne der verblendeten. sie reden nur und malen ihre illusionen bunt an. du meine kostbare perle, du kennst das leben und bist mutig genug in den sturm des geschehens zu treten, auch wenn es deinen blüttenblätterkelch zerstören könnte. du meine schöne blume...
stille. der große raum liegt in einsamen schlaf. durch die hohen fenster fällt etwas licht auf die groben traurigen dielen. sie könnten geschichten erzählen. haben sie doch schon so viele kinderbeine getragen, so viele tränen, gemeinheiten, träume gesehen. doch sie schweigen. jetzt wird die stille von einem husten unterbrochen. frank hat sich letzte woche erkältet, jetzt dreht er sich auf die andere seite, schmatzt etwas, redet undeutliches zeug im schlaf und kapituliert letztendlich wieder vor der ruhe der nacht. wie die perlen aufgereiht stehen die kleinen betten im halbdunkel. die jungens liegen quer, schweißgebadet, zusammengekauert, daum lutschend, teddy fest umklammernd oder auch ganz ruhig, kaum atmend in ihrem kleinen reich. sie haben die augen alle geschlossen und sind dieser welt geflüchtet. gnadenvoll hat sie die barmherzige mutter schlaf für stunden adoptiert und sie liebevoll in die arme geschlossen. michael jedoch liegt wach. schon eine stunde, oder zwei? er weiß es nicht, die uhrzeit konnte er nicht lesen, das hatten sie noch nicht in der schule bei herrn schneider gelernt. und wenn, könnte er sie vielleicht trotzdem nicht, denn manchmal verstand er einfach nicht die dinge, von dennen der herr schneider redete. die anderen lachen dann hin und wieder. das tat ihn immer weh. ja man glaubt es kaum, doch dieses wundervolle geschenk der seele, dieser unschuldige fröhliche duft des lebens, kann gleichzeitig eine gemeine brennessel in der hand garstiger menschen werden. sie wiehern, feixen und grinsen - schlagen, treten und kratzen. doch darüber will michael gerade nicht nachdenken. seine aufmerksamkeit wird gerade auch für etwas anderes, wirklich wichtiges gebraucht. denn im schein der funkelnden sterne und des mondes tanzte eine mücke. wenn er die luft anhielt, konnte er sogar ihr summen hören. plötzlich hustete der frank wieder, da war natürlich gar nichts mehr zu hören. doch sehen konnte er sie immer noch. michael legte die bettdecke zur seite um und setzte sich auf die bettkante. barfuß wie er war ging er an die stelle wo er die mücke tanzen sah.
stille ... dann beugte er etwas die knie und strekte sie sanft wieder. er wiegte seinen körper, stellt sich auf die linke ferse und dreht sich langsam im kreis. geschmeidig und verletzlich versuchte er zu tanzen. er hatte das einmal einen alten film gesehen, und den fand er schön.
dann began es ihm zu frösteln. das große fenster stand zur hälfte offen und ein nasskalter windzug zauberte gänsehaut auf seine arme. er hielt inne von seinem tanz und schaute in die nacht. viele kleine sterne verschenkten fröhlich ihr licht. er erinnerte sich an einen alten mann. abraham soll er geheißen haben und vor vielen tausend jahren hat er gelebt. frau osterberg hat ihnen in der sonntagsschule davon erzählt. dieser hat sich auch mal die sterne angeguckt. michael war überweltigt. wenn frau osterberg nicht geschwindelt hat dann schaute er zu den gleichen sterne hoch, wie der alte abraham! plötzlich musste er gähnen und schnell schlüpfte er wieder in sein bett. die decke zog er bis fast übers gesicht, faltete noch einmal seine hände und sagte:
"gott, danke das du die mücke tanzend gemacht hast, und auch die sterne gefallen mir gut. mach den frank ganz gesund, damit wir wieder in ruhe schlafen können und mach mich bitte klug wie den jochen, damit ich beim uhrzeitlernen nicht ausgelacht werde. du kannst das doch, oder?"
kaum hatte er das gesagt vielen seine augen zu und mutter schlaf strich ihm traurig lächelnd über die stirn.
herr balduin,
vor einiger zeit besuchte mich jemand. an und für sich war nichts besonderes daran. er kannte mich, ich kannte ihn - und das auch nicht erst seit gestern. und so saßen wir in unserer stube und plauderten. da ist es mir sehr eindrücklich bewusst geworden ... der wert des nachfragens. mein besuch fragte viel nach. er wollte wissen und verstehen was in meinem leben vor sich geht. er gab keine ratschläge, war nicht übermäßig betroffen und nickte auch nicht ständig süffisant lächelnd und "verstehend". er fragte stattdessen und hakte nach. dieses ehrliche interesse hat mich sehr beeindruckt. und immer mehr sehe ich wie gut diese haltung ist. oft warte ich genau darauf, dass leute mich fragen warum ich dies und jenes denke, glaube und tue - doch auf die idee zu kommen, selber nachzufragen, an anderen interessiert zu sein, zwischen den zeilen zu lesen und in den seelen zu forschen komme ich selten. beschämend!!!
herr balduin, hier nun ein kurzer praktischer plädoyer an mich und den rest der welt. "frag mal nach!"
fritz

herr balduin,
vor einiger zeit war ich in einer ausstellung die sich mit dem thema: "glück" und der frage: "was ist glück?" beschäftigt hat. dort gab es auch eine umfrage unter den besuchern. diese sollten mithilfe einer skala von 1-10 bewerten wie glücklich sie in ihren verschiedenen lebensbereichen sind (familie, arbeit, finanzen, sex ...). was ist glück? ich glaube die meisten menschen würden in ihrem leben die zahlen 8-10 eher selten vergeben. und wenn nur dann, wenn sie sich auf wirklich hohem niveau darin befriedigt sehen. in einer zeit wo die superlative immer mehr zunehmen, wo sich jeder beweisen muss und nur das beste anerkennung bekommt. wo medien vorgeben was zum glück alles dazu zugehören hat und wo die sehnsucht nach erfüllung und der hunger nach sinn, höheren und vollkommenen in jedem wohnt, dort verliert das gewöhnliche und durchschnittliche seinen wert und seiner erfüllung. doch sind wir nicht alle eher durchschnitt? leben wir nicht oft ein erschreckend normales leben was vielleicht mit 4-6 bewertet wird. du sollst mich nicht falsch verstehen herr balduin. ich glaube, dass die sehnsucht nach mehr, erfüllung - ja nach ewigkeit etwas sehr wichtiges ist. sie hält uns am leben auch bei schwierigkeiten. doch merke ich immer wieder in meinem eigenen leben, dass dies nur eine seite der medalie ist. denn aucf der anderen macht es unzufrieden und depressiv wenn man sich nach dem "himmel" sehnt, aber aufgrund seiner menschlichkeit in scheinbarer mittelmäßigkeit fest hängt. das dient nicht dem leben. es verhindert, dass wir unsere durchschnittlichen mitmenschen und uns selbst annehmen und lieben lernen. in einer welt wo nur die höchststufen ihre beachtung und berechtigung erhalten sägen wir an dem ast, auf dem wir selber sitzen.
darüber hinaus verpassen wir das glück was im gewöhnlichen steckt, die zufriedenheit des gegenwärtigen, so manchen versteckten schatz, der erst dann seinen wert zeigt, wenn er mal nicht mehr ist. ich will nicht verblenden. das alltägliche wird unterschätzt - ich unterschätze es so oft. wer im kleinen treu ist ... ich will einer von vielen sein.
fritz
diese briefe sind der versuch das leben mit all seinen existentiellen fragen zu zulassen. die spannung zwischen kraft und dem gefühl der ohnmacht, zwischen glauben und zweifel, vertrauensvollen hoffen, unbendiger lebensfreude und wahnsinniger angst - die spannung zwischen leben und tod, vergänglichkeit und ewigkeit in mangelhafte worte zu fassen.
"denn die herrlickeit gottes ist jeder einzelne mensch, der wirklich lebt." (jean vanier)
18.08.2009 fritz